Welche Sprache wird eigentlich in Estland gesprochen?

Während die nordeuropäischen Sprachen Finnisch, Schwedisch und Norwegisch weltweit bekannt sind und sich zahlreicher (Nachwuchs-)Sprecher erfreuen, fristet das Estnisch ein Schattendasein. Dies mag daran liegen, dass das eesti keel, so die Eigenbezeichnung der Esten für ihre Sprache, insgesamt nur von etwas mehr als 1 Million Menschen als Muttersprache gesprochen wird. Zudem ist es einzig in Estland und der Europäischen Union Amtssprache. Dementsprechend ist das Estnisch, das eng mit dem Livischen, das in der lettischen Provinz Kurland gesprochen wird, und dem Finnischen verwandt ist, nicht allzu weit verbreitet.

Dennoch lassen sich acht verschiedene Dialekte in Estland finden, die rund 117 Mundarten zusammenführen. Diese unterschiedlichen und vielfältigen Mundarten sind historisch bedingt: In früherer Zeit war es vielen Esten aufgrund von Leibeigenschaft und Fronsystem nicht möglich, weit und ungehindert zu reisen und sich frei zu entfalten. Die Sprache konnte sich dementsprechend ebenfalls nicht entwickeln und nahm in den einzelnen Regionen unterschiedliche Züge an. Von großer Bedeutung sind vor allem die nordestnischen sowie die südestnischen Dialekte. Erstere Dialektgruppe, zu der die Dialekte läänemurre, keskmurre und idamurre gezählt werden, hatte großen Einfluss auf die Entstehung der aktuellen Standardsprache.

Das Estnisch wurde jahrelang vom Russischen beeinflusst, denn das Land war unter anderem zwischen 1721 und 1918 Teil der Ostseeprovinz des Russischen Reiches sowie nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion. Heute muss ein jeder, der die estnische Staatsbürgerschaft erlangen möchte, Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (Sprachniveau = Mittelmaß) vorweisen können. Dies wird von der russischen Minderheit, die gerne Russisch als zweite Amtssprache durchsetzen möchten, kritisiert.