Ein kleiner Ausflug ins Mittelhochdeutsche

Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit
von helden lobebæren  / von grôzer arebeit,
von vreude und hôchgezîten / von weinen und von klagen,
von küener recken strîten / muget ir nu wunder hœren sagen.

Na, hätten Sie den kleinen Auszug aus dem „Nibelungenlied“ spontan übersetzen können? Haben Sie den genaueren Sinn verstanden und könnten die Sätze fehlerfrei wiedergeben? Mittelhochdeutsch ist zwar die Sprache unserer Vorfahren, doch ein Großteil der Wörter und Begriffe sind uns nicht mehr bekannt. Einige Wörter können wir aber immer noch ableiten, da sie sich meist nur in der Schreibweise verändert haben.

Doch auch im Mittelhochdeutschen gibt es False friends – Wörter, die dem Neuhochdeutschen in der Schreibweise stark ähneln, aber eine andere Bedeutung haben. Das mittelhochdeutsche Wort „lieben“ z. B. bedeutet im engeren Sinne eher behagen/gefallen als lieben. Die erste Bedeutung des Begriffs „hôchmuot“ ist gehobene Gesinnung und Stimmung. Der „gast“ ist oftmals ein Fremder, der „danc“ ein Gedanke.

Damit Sie beim nächsten Mal das Meisterwerk des nicht überlieferten Schreiberlings oder auch Klassiker von Walther von der Vogelweide oder Hartmann von Aue im Original lesen können, gibt es hier nun eine kleine Regelkunde: Vokale, die mit einem Zirkumflex versehen sind (z. B. â, ê, î, ô, û), werden lang gesprochen. Alle anderen kurz. So wird beispielweise das a in tac kurz gesprochen, und nicht, wie wir es von Tag gewohnt sind, lang. Die einzelnen Vokale in Diphthongen wie ei, ou, ie, uo werden beide einzeln gesprochen und nicht wie üblich zusammengezogen. So wird das ie in „liebe“ nicht wie ein langes i gesprochen, sondern das i sowie das e werden einzeln betont.